Von Margaretsville mussten wir nur noch eine Strecke von 65 Kilometern auf der NS-101 W zurücklegen, um die National Historic Site „Port Royal“ bei Annapolis Royal zu erreichen.
„Port Royal“ muss man, nach der missglückten Besiedlung der „Ile Sainte-Croix“ bei St. Andrews in New Brunswick im Jahr 1604, als erste dauerhafte Siedlung von Europäern in Nordamerika im Bereich des heutigen Kanadas ansehen. Die Überlebenden von „Sainte-Croix“ gründeten 1605 eine Siedlung an der Westküste des heutigen Nova Scotia, genauer gesagt am Nordufer des Annapolis Basins, und nannten sie Port Royal. Zu der Siedlung gehörte ein befestigter Handelsposten mit einer Ähnlichkeit zu einem Fort. Durch das Annapolis-Becken verfügten die Siedler über einen geschützten Hafen.  |
| Zeichnung der Handelsniederlassung aus dem Tagebuch von Champlain |
Wir besuchten mit der National Historic Site „Port Royal“ ↗ einen Ort, der zwar von herausragender historischer Bedeutung ist, der aber tatsächlich nur kurz bestand – von 1605 bis 1613. In diesem Jahr wurden die Gebäude des befestigten Handelspostens von einer militärischen Einheit aus dem amerikanischen bzw. damals noch englischen Virginia unter der Führung von Samuel Argall ↗ (1580-1628) niedergebrannt. Die Siedlung Port Royal selbst bestand bis 1755 in kleinerem Umfang weiter, bis die Briten die hauptsächlich französischen Siedler (die Akadier) endgültig vertrieben.
Die Gebäude, die man heute auf der National Historic Site vorfindet, errichtete man aufgrund von Erkenntnissen aus archäologischen Ausgrabungen und nach vorhandenen alten Landkarten und Bauplänen, inklusive nach Originalzeichnungen aus erhaltenen Tagebüchern, in den 1930er Jahren als Nachbauten; fertiggestellt war alles im Jahr 1941.
Dieser originalgetreue Nachbau ist so hervorragend gelungen und erhalten, dass man sich beim Besuch komplett in die damalige Zeit zurückversetzt fühlt.
Zu verdanken ist die Rekonstruktion zu einem großen Teil der Amerikanerin Harriette Taber Richardson (1875-1951), deren Lebenswerk die Neuerrichtung von Port Royal war.
Die Siedlung und der befestigte Handelsposten entstanden unter der Leitung von Samuel de Champlain ↗ (1567-1635), der außerdem 1608 am Sankt-Lorenz-Strom die Stadt Quebec gründete und für längere Zeit Gouverneur der französischen Kolonie Nouvelle France (Neufrankreich, 1534-1763) wurde. Unterstützt wurde er bei der Gründung von Port Royal durch den Monsieur Pierre Dugua de Mons ↗ (1558-1628).  |
| Büste von Champlain |
Die Franzosen unterhielten frühzeitig gute Beziehungen zu den hiesigen First Nation der Mi:kmaq, erzielten so gute Handelserfolge und lebten in friedlichem Zusammensein. Bei den Verhandlungen spielte vor allem der damalige Mi:kmaq- Häuptling „Membertou“ eine große Rolle.In der Provinz Nova Scotia wird aktuell großen Wert daraufgelegt, dass die indigene Urbevölkerung ausreichend gewürdigt wird. So wird man am Eingang der Historic Site nicht nur in Englisch und Französisch, sondern auch in der Mi:kmaq-Sprache begrüßt. Über einen kurzen Wanderweg mit Informationstafeln gelangten wir zum Nachbau des damaligen Handelspostens.
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| Vorder- und Rückseite des Handelspostens |
Zum Schutz gegen Wetter und vor allem gegen die strengen Winter nutzte man denGrundriss eines Vierecks. Ein Brunnen und ein Innenhof werden komplett von einer geschlossenen Reihe von Gebäuden umrahmt. Originalgetreu verwendete man nur handbehauene Holzbalken.
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Innenansicht (von links nach rechts) mit Eingangstor, Empfangsraum, Schmiede, Küche, Bäckerei. Hinter dem Brunnen, im quer verlaufenden Gebäude, befand sich der Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss und unter dem Dach Schlafmöglichkeiten. In dem rechten Gebäude findet man von hinten eine Kapelle und davor die Wohn- und Schlafgelegenheiten der vornehmeren Herren und die des Herrn von Mons. |
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| Gleich rechts vom Eingang findet man das Lager mit einem kleinen Weinkeller und darüber eine Segelmacherei; links im Bild das Haus des Herrn von Mons. |
Im Südwesten ist eine Kanonen-Plattform angebaut, im Südosten befindet sich ein von Palisaden umgebener Wachraum.
Der Haupteingang neben dem Wachraum wird gleich durch mehrere Türen geschützt. Über dem Eingang befinden sich die Wappen aller Länder, die im Laufe der Geschichte mit der Existenz von „Port Royal“ zu tun hatten – Frankreich, Schottland und England.
Schmiede, Küche und Bäckerei befinden sich links neben dem Eingang.
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| Schmiede mit großem Blasebalg |
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| Die Backstube |
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| Teilansicht der Küche |
Es folgt ein großer gemütlicher Gemeinschaftsraum, in dem die Bewohner gemeinsam das Essen einnahmen und ihre Freizeit verbringen konnten.
Es ist eine festliche Tafel nach damaligen Maßstäben eingedeckt und ein großer Kamin sorgt für ein gemütliches Ambiente.
Über diesem Gemeinschaftsraum befanden sich Schlafmöglichkeiten für insgesamt 28 Personen.  |
| Doppelstockbetten und Separées für Kranke |
Auf der rechten Seite des Handelsposten neben dem Eingang befindet sich die Segelmacherei, das Lager für die Handelswaren und die Gebrauchsgegenstände sowie der Weilkeller.In diesem Raum wird auch ein Original-Nachbau eines Bootes aus der damaligen Zeit ausgestellt.
Etwas vornehmer geht es im hinteren Bereich des Gebäudekomplexes des Handelsposten zu. Hier befindet sich die Residenz der Herren de Mons und de Champlain, eine Kapelle, die Wohnräume der Offiziere und des Chirurgen sowie mehrere weitere Wohnquartiere.  |
| Wohn- und Arbeitsraum der Herren de Mons und de Champlain |
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| Lageplan der Handelsniederlassung und der näheren Umgebung |
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| Schlafstätte im Obergeschoss |
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| Unterkunft der Offiziere mit jeweils 2 Stockbetten |
Erwähnen sollte man, dass viele der original nachgebauten Möbelstücke Anfang der 1940er Jahre von Männern aus dem POW-Internierungslager in Fredericton, New Brunswick, hergestellt wurden.
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| Hier wirkte der Arzt |
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| Selbst ein kleiner Kapellenraum mit einer "Sakristei" war vorhanden |
Generell wurde der Rundgang in Port Royal durch zahlreiche kleine Gegenstände aus dem Alltag bereichert, die einem das damalige Leben durch ihre liebevolle Gestaltung ansprechend näherbrachten.Übrigens: der Begriff "Sabotage" hat seinen Ursprung im Französischen und leitet sich möglicherweise von "sabot" (Holzschuh) ab, denn eine Theorie besagt, dass Arbeiter ihre Holzschuhe in Maschinen warfen, um diese zu stoppen.