Freitag, 22. August 2025

Im Dungeon Provincial Park

Dungeon Provincial Park
Vom Cape Bonavista Lighthouse waren wir über die Cape Shore Road Richtung Südosten knapp 8 Kilometer unterwegs, um den Dungeon Provincial Park ↗ zu erreichen. Amüsant war der letzte Teil der Strecke, denn häufig mussten wir erst einmal warten, bis ein paar Schafe unseren Fahrweg überquert hatten.
Schafe
Schafe
Die Schafe gehören der Wildshire Horn-Rasse an, eine alte britische Fleisch- und Haarschafrasse, die keine Wolle produziert, sondern ein weißes Fell besitzt, das im Frühjahr natürlich abgeworfen, also nicht geschoren werden muss. 
Bekannt ist diese Schafrasse für ihre Robustheit. Früher wurden sie insbesondere zur Erzeugung hochwertiger Lammfleischprodukte gezüchtet. Eine weitere Besonderheit: beide Geschlechter sind gehörnt, wobei Böcke allerdings markante Schneckenhörner tragen.
Dungeon
Man erinnere sich, dass „dungeon“ ein düsterer Begriff ist, er bedeutet Verlies oder Kerker. Diesen Eindruck hatten wir auch von der Klippe, die wir hier besuchten. Der erste Blick war eher malerisch. Die Klippe war grasbewachsen, mit einem kleinen Wanderweg und man hatte einen herrlichen Blick auf Meer und Küste. Wenn man jedoch näherkam, schaute man in einen dunklen Wasserkrater mit zwei Öffnungen Richtung Ozean. Immerhin hatte der Krater eine in etwa herzförmige Gestalt. Man hörte ein lautes, bedrohendes Rauschen und man konnte sich den Vergleich mit einem dunklen Kerker durchaus vorstellen.
Dungeon
Dungeon
Wie ist dieser „dungeon“ entstanden? Seit 10.000 Jahren prallen die Wellen des Atlantiks hier an die Küste und erodieren das Gestein. Es handelt sich um Sedimentgestein aus verfestigtem Sand und Schlamm, das sich vor 600 Millionen Jahre bildete. Im Laufe der Jahre gruben die starken Wellen des Atlantiks ein Höhlensystem in die Klippen, das sich nach weiterer Erosion zu einer Höhle verband. Das Gewicht des darüber liegenden Gesteins wurde zu schwer und die Höhle stürzte ein. Das Wasser transportierte im Laufe der Zeit das Einsturzmaterial ins Meer zurück. Dabei bildete sich das sogenannte „blowhole“, also der Wasserkrater mit den zwei Meeresöffnungen, den wir heute sehen können.
Irgendwann werden die Kraft der Meereswellen und die Erosion dazu führen, dass auch dieses Gebilde einstürzt.
Dungeon
Dungeon
Wir waren recht beeindruckt, von dem Bild an sich und dem Tosen des Meeres und von der gesamten Kulisse generell.
Der „dungeon“ ist die Hauptattraktion und der Namengeber des hiesigen Provincialparks. Aber an der gesamten Küste der Bonavista-Halbinsel gibt es weitere solche Höhlen in Felsen und Klippen und weitere interessante Fels- Formationen. Geologisch ist dieses Areal so interessant, dass die UNSECO es als Global Geopark-Welterbe anerkannte. Gleichzeitig ist der Dungeon Provincial Park  auch ein Teil des Discovery Global Geoparks, der alle geologischen Stätten rund um die Bonavista-Halbinsel betreut.
Dungeon

Bonavista und John Cabot

Die Stadt Bonavista mit heute knapp 3.200 Einwohnern an der Ostküste von Neufundland sieht sich in so enger Verbindung zu dem englisch-italienischen Entdecker John Cabot (1452-1498), dass sie sogar seinen Namen und sein Schiff (Matthew) in ihre städtische Fahne aufgenommen hat.
Flagge
Eben dieser John Cabot erreichte am 24. Juni 1497 die Küste von Neufundland wohl hier am heutigen Cape Bonavista und soll begeistert ausgerufen haben: „buena vista“ – „schöne Aussicht“, weil er von der neufundländischen Küste so begeistert war. Es ist historisch nicht sicher bewiesen, dass er tatsächlich an dieser Stelle der Küste angelandet war, aber die lokalen Überlieferungen benennen das Kap, das nach seinem Ausspruch benannt wurde, als seinen Landungsort.
Bonavista
Zu Ehren von John Cabot wurde zum 500. Jubiläum im Jahr 1997 eine Statue aufgestellt. Die Bronze-Skulptur und zwei Gedenktafeln befinden sich im „John Cabot Municipal Park" in kurzer Entfernung zum Cape Bonavista Lighthouse. Die Statue wurde von dem Bildhauer Hans Melis geschaffen und schaut vom Kap auf die Stadt hinunter.
Cabot
John Cabot
Zum 500. Jubiläum baute man im englischen Bristol, wo John Cabot 1497 seine Reise Richtung Westen startete, sein Schiff nach. Dieses recht kleine Schiff, eine sogenannte Karavelle, mit einer Traglast nur für 50 Tonnen, mit einer Besatzung von 19 Matrosen und ausgestattet mit drei Masten, trug den Namen Matthew. Mit dem Nachbau segelte 1997 eine Mannschaft in historischen Kostümen von Bristol in England nach Bonavista in Neufundland und traf sogar rechtzeitig ein.
Dieser Jubiläums-Nachbau wird heute noch in Bristol touristisch genutzt.
Schiff
Kurz nach dem 500. Jubiläum entschied man sich auch in Neufundland, einen zweiten Nachbau in Angriff zu nehmen. Dieses Schiff konnten wir in einem extra für das Schiff erstellten Gebäude besichtigen. Der touristische Ort nennt sich „Matthew Legacy“↗.
Im Vorraum der Schiffshalle ist eine Ausstellung zu John Cabot, seinem Leben und seiner Entdeckungsreise untergebracht.
Er wurde als Giovanni Caboto um 1452 wohl in Genua geboren, lebte aber anschließend in Venedig und war venezianischer Bürger. Dementsprechend sind beim Museum „Matthew Legacy“ auch viele Erinnerungen zu Venedig zu sehen.
Venedig
Er dürfte eine Ausbildung gemacht haben, die ihn als Ingenieur qualifizierte, u.a. war er in Spanien an einem Brückenbauprojekt beteiligt.
Es ist historisch nicht gesichert, aber wahrscheinlich war als Schiffsingenieur ein Begleiter bei der zweiten Reise von Christoph Columbus nach Südamerika.
1495 kam er nach England und wurde von König Heinrich VII. (1457-1509) ausgewählt, eine Seereise nach Westen zu unternehmen, um eine Route nach Asien zu finden.
Den ersten Versuch startete er bereits 1496, musste ihn aber erfolglos abrechen.
Seemann
Im Jahr 1497 segelte er erneut los und dieses Mal war er erfolgreich. Er fand zwar nicht die Route nach Asien, aber er landete nach sieben Wochen in Neufundland. Daraus leiteten die Engländer ihren späteren Anspruch auf das Land und die Besiedlungsrechte des Landes ab; Transport-Schiffe nutzten fortan die von ihm entdeckte Route.
They call him
Er fuhr 1498 noch einmal los. Diese Reise endete für ihn tragisch, er zählte danach als verschollen.
Wir besichtigten die Replik seines Schiffes von 1497, die „Matthew“.
Bootshaus
In diesem Bootshaus ist der Nachbau untergebracht
Bootshaus
Ein Model
Model der Rumpfbauweise
Model
fertiggestelltes Model
Metthew
Wir waren beeindruckt, dass man mit so einem kleinen Schiff, ohne Steuer-Rad sondern nur mit 
Handruder ausgestattet, nur mit Segeln als kleiner Dreimaster und fast ohne jegliche Navigationsausstattung diese Leistung vollbringen konnte.
Ruderanlage
Ruderanlage
Eine Atlantiküberquerung Richtung Westen zu dieser Zeit bedeutete permanent gegen den Wind segeln zu müssen. Und die Vorstellung, über der Takelage in dem Krähennest oder Mastkorb zu sitzen und das vielleicht bei Sturm, fanden wir einfach nur erschreckend.
Krähennest
Krähennest
Shitdeck
poop deck
Ankerwinde
Ankerwinde
Wie zur damaligen Zeit üblich. mussten sich die Matrosen auf dem hinteren Oberdeck direkt ins Meer erleichtern (poop deck). Während diesen "Seereisen" damals haben die Seeleute Dinge geleistet und ertragen, zu denen heute nur wenige Menschen noch befähigt wären.
Kajüte
Die Kapitänskajüte
Seile
Seile für die Segel
Nach der Schiffsbesichtigung hielten wir uns noch eine Weile in der Zusatzausstellung auf. Besonders interessant war dort die Nachbildung des ersten Globus der Neuwelt von 1492, der sogenannte „Erdapfel“ von Martin Behaim (1459-1507). Auf ihm konnte man Europa, Asien und Afrika sehen, der Rest war Meer. Als Behaim diesen Globus erstellte, war Christoph Kolumbus von seiner Fahrt nach Südamerika noch nicht zurückgekehrt.
Globus
Globus
Globus
Ansonsten konnten wir uns noch eine Menge Dinge anschauen, die John Cabot auf seinem Schiff mitgenommen hatte. Das waren beispielsweise Dinge für Versorgung oder Reparatur. Er war so ausgestattet, dass er sieben bis acht Monate überdauert hätte.
Cabot
Giovanni Caboto ↗
Wir nahmen die Erkenntnis mit, dass Menschen in der Geschichte „verschwinden“, sie aber letztendlich für die Zukunft und nachfolgende Generationen viel bewegt haben.

Donnerstag, 21. August 2025

Root-Cellars in Elliston

Der kleine Ort Elliston, mit derzeit knapp über 300 Einwohnern, in der Trinity Bay an der Ostküste Neufundlands gelegen, wurde ab 1806 besiedelt und hieß zunächst Bird Island Cove. Zu Ehren des methodistischen Missionars William Ellis (1780-1837), der 1814 die erste Predigt in Bird Island Cove gehalten hatte, wurde er 1902 in Elliston umbenannt.
Elliston nennt sich „Root Cellar Capitol of the World“ (Wurzelkeller-Hauptstadt). Was soll man darunter verstehen?
Elliston
Wir führten ein Gespräch mit einem älteren Einwohner und der erzählte uns, dass zwar schon ab 1930 in Elliston Strom zur Verfügung stand und man ab den 1950er Jahren elektrische Kühlschränke hätte kaufen können, aber die Einwohner von Elliston bevorzugten für die traditionelle Lagerung ihrer Lebensmittel, zum Teil bis heute, eben diese „Root Cellars“.
Erdkeller
Zwei Erdkeller nebeneinander
Auch heute gibt es noch über 130 solche Erdkeller, von denen die Hälfte auch genutzt werden. Oft teilen sich sogar mehrere Familien einen solchen Keller.
Wir bekamen erzählt, dass die Erstellung eines Erdkellers eine große
Gemeinschaftsaktion war. Zunächst wurde ein geeigneter Ort gesucht. Da die Gegend sehr hügelig ist, fand man schnell einen Platz in einem Wall oder in einem Hügel. Dort wurde erst einmal der Lagerraum ausgegraben, was eine mühsame und zeitaufwändige Arbeit war. Genauso gestaltete sich die Suche von geeigneten Plattsteinen am Strand. Von ihnen brauchte man einige hundert pro Keller zur Verkleidung und Stabilisierung der Innenwände und des Bereichs neben der Eingangstür. Die Innenwände wurden anschließend noch verputzt. Dann kamen Regale bzw. Kisten in den „Root Cellar“ und eine Tür, besser zwei Türen als Kälteschleuse, verschlossen den Raum. Trotz vieler Helfer brauchte man mehrere Wochen bis man einen Keller fertig hatte.
Root Cellar
Root Cellar
Im Winter verhinderten die dicken Steinwände und das dick mir Erde abgedeckte Dach das Erfrieren der Lebensmittel, im Sommer waren die Lebensmittel so optimal kühl gelagert.
Gelagert wurden hauptsächlich Kartoffeln, Karotten und Zwiebeln, aber auch zahlreiche andere Lebensmittel fanden ihren Weg in die Vorratshaltung in einem Root-Cellar.
Äpfel lagerte man damals schon getrennt, da sie (das weis man heute) das Reifegas Ethylen "aussondern". Ethylen beschleunigt die Reifung anderer Lebensmittel, und fördert bei Kartoffeln z.B. den vorzeitigen Austrieb und das Schrumpeln.
Root Cellar
Root Cellar
Root Cellar mit (leeren) Holzkisten und zwei Türen.
Sie dienen als Kält- oder Wärmeschleuse.

Kisten
Älterer Root Cellar mit offenen Kisten zur Kartoffellagerung
Als wir durch Elliston gingen, um einige Erdkeller zu fotografierten, fühlten wir uns an eine Reise durch das Land der Hobbits erinnert.
Vor einem der Root-Cellar trafen wir noch zwei Besucher, die wohl ebenfalls an dem, was sich im Keller hätte befinden können, interessiert waren – zwei junge Rotfüchse. Sie waren allerdings bei ihrem versuchten Eindringen nicht erfolgreich - der Keller war leer!
Fuchs
Fuchs
Fuchs
Fuchs
Sie musten sich mit einer leeren Plastikflasche begnügen

Mittwoch, 20. August 2025

Von Gambo nach Bonavista

Am nächsten Tag verließen wir bei wechselhaftem Wetter den Campingplatz schon wieder und konnten bei Niedrigwasser noch einmal die Steine im Gambo-River sehen.
Campground
Steine im River
Ab Gambo nutzten wir erneut den Trans-Canada-Highway und fuhren über 130 Kilometer durch nicht endend wollende Misch- und Nadelwälder. Hier befindet sich auch der „Terra Nova Nationalpark“ . Zu dem Park gehören sowohl Abschnitte von der Atlantikküste, als auch Areale mit borealem Wald oder unendliche Mischwälder in höheren Regionen.
Wälder
Wald, soweit das Auge reicht
Bäume
dicht stehen hier die dünnen Nadelbäume nebeneinander
bewaldet
wald
wald
Aber auch Bereiche mit eng beieinander stehenden Pappeln
sind anzutreffen
Zwischendurch passiert man immer wieder kleinere Seen und Hinweisschilder, die auf die Gefahr hinweisen, die von Elchen ausgehen kann.
Unfälle
Nahe des Georges Ponds verließen wir nach etwa 100 Kilometern den Trans-Canada-Highway, um den letzten Teil der Strecke (weitere 110 Kilometer) auf der NL-230 N bis nach Bonavista zurückzulegen. Dazu fuhren wir bis Port Union ↗ , ein ehemals wichtiger Ort für die Fisch- und Robbenindustrie von ganz Neufundland. Nachdem aufgrund des Fangverbotes von Kabeljau im Jahr 1992 die Werksanlagen der Fishermen's Union Trading Company stillgelegt wurden, richtete Hurrikan Igor im Jahr 2010 in dieser Region enorme Schäden an; die verbliebene Garnelenverarbeitungsanlage wurde dabei so stark beschädigt, das auch diese örtlich verbliebene Verarbeitungsanlage im Jahr 2012 endgültig stillgelegt wurde.
Im Jahr 2017 interessierte sich ein chinesischer Investor für die Anlage, um einen Robben verarbeitenden Betrieb zu etablieren.
Im Jahr 2018 dachte man darüber nach, in den Hallen legal Cannabis anzubauen.

Hier wechselten wir von der Westseite auf die Ostseite der Bonavista Peninsula und befuhren weiter den Discovery Trail ↗.
Discovery Trail
Am Meer
Am Meer
Bonavista
Bald erreichten wir die Stadt Bonavista ↗ mit heute rund 3.200 Einwohnern, die bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts als Fischer-Siedlung bekannt war. Heute gibt es zwar noch eine große Fischfabrik, aber die Stadt lebt hauptsächlich vom Tourismus.
Bonavista